Der 500-Euro-Schein wird abgeschafft: Der Anfang vom Ende des Bargelds?

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) entschied, dass die Ausgabe der größten Euro-Banknote "gegen Ende 2018" eingestellt wird, teilte die EZB in Frankfurt mit. Die im Umlauf befindlichen 500er sollen gesetzliches Zahlungsmittel bleiben. Die Geschäfte müssen den Schein also weiter akzeptieren. Allerdings lehnen schon jetzt einige Läden die Annahme hoher Banknoten ab. Der Schein soll bei den nationalen Notenbanken zeitlich unbegrenzt umgetauscht werden können.

Die bislang kursierenden 600 Millionen 500er müssten bis Ende 2018 schrittweise durch andere Noten mit kleinerem Nennwert ersetzt werden. Zu diesem Zeitpunkt sollen die überarbeiteten 100- und 200-Euro-Scheine eingeführt sein. Zum letzten Mal wurde die größte Euro-Banknote 2014 produziert.

Mit der schrittweisen Abschaffung des lilafarbenen Scheins sollen Terrorfinanzierung, Geldwäsche und Schwarzarbeit eingedämmt werden. EZB-Präsident Mario Draghi hatte darauf hingewiesen, dass die Banknote für kriminelle Zwecke genutzt werde: "Der 500-Euro-Schein ist ein Instrument für illegale Aktivitäten."

Ob Terrorfinanzierung, Mafia oder Drogenschmuggel: Im Reich der organisierten Kriminalität wird bevorzugt bar bezahlt. Bargeld ist anonym, kann blitzschnell den Besitzer wechseln und lässt sich schwer zurückverfolgen. Der einzige Nachteil des Bargelds ist physischer Natur: Es braucht Platz - und zwar umso mehr, je größer die Summen sind, die bewegt werden müssen.

Um zehn Millionen Euro übergeben zu können, braucht man 200.000 50-Euroscheine, die zusammen 184 Kilo schwer sind. Würde man die Scheine einzeln übereinanderstapeln, wäre der Turm 20 Meter hoch. Mit anderen Worten: Eine diskrete Übergabe im kleinen Köfferchen würde schwierig.

Kann man die Summe dagegen in 500ern begleichen, reichen schon 20.000 Scheine. Das entspricht gut 22 Kilo und ist auch vom Volumen her deutlich leichter zu handhaben.

Doch es geht nicht nur um die großen Verbrecherbanden, sondern auch um den Steuerhinterzieher, der 100.000 Euro vor dem deutschen Fiskus in der Schweiz versteckt hat und das Geld in bar über die Grenze bringt, um in Deutschland das neue Auto oder die Eigentumswohnung zu bezahlen. Auch hier leistet der 500er bisher gute Dienste - das vermutet man zumindest.

Ob es bei der Bekämpfung von Geldwäsche und Kriminalität wirklich etwas bringt, große Scheine wie den 500er abzuschaffen, ist allerdings offen. Erwiesen ist ein Zusammenhang bisher nicht, das geben sogar Fachleute der EZB zu.

Und noch von einer anderen Seite will man der Kombination von Bargeld und Illegalität beikommen: indem man Bargeldgeschäfte generell begrenzt. In einigen Ländern gibt es solche Obergrenzen bereits. In Spanien etwa liegt sie bei 2500 Euro, in Italien bei 3000 Euro. In Deutschland denkt die Bundesregierung immerhin laut über die Einführung einer 5000-Euro-Grenze nach. Und auch die Europäische Kommission prüft nach eigenen Angaben ein EU-weites Limit für Barzahlungen.

Wird das Bargeld irgendwann ganz verschwinden? Das ist zumindest die große Befürchtung vieler Kritiker. Sie sehen in der 500er-Abschaffung und den Bargeldobergrenzen keine Werkzeuge im Kampf gegen organisierte Kriminalität und Geldwäsche, sondern vielmehr die ersten Versuche, das Bargeld aus der Wirtschaft verschwinden zu lassen.

Als Kronzeugen dienen den Kritikern dabei die wenigen Befürworter einer bargeldlosen Welt: Ökonomen wie Larry Summers, der unter Bill Clinton mal US-Finanzminister war oder Kenneth Rogoff, der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF). Sie propagieren offen die Abschaffung des Bargelds, entweder um illegalen Geschäften leichter auf die Spur zu kommen (Rogoff), oder aber um den Notenbanken die Möglichkeit zu geben, negative Zinsen auf Bankkonten durchzusetzen (Summers). Auch der Chef der Deutschen Bank, der Brite John Cryan, schürte Anfang des Jahres das Misstrauen der Kritiker, als er beim Weltwirtschaftsforum in Davos prophezeite, in zehn Jahren werde es kein Bargeld mehr geben. Scheine und Münzen seien schließlich so schrecklich ineffizient.

All das lässt Kritiker vermuten, dass hinter den Plänen von EZB, Bundesregierung und EU-Kommission doch mehr stecken könnte als nur die Abschaffung eines Scheins und die Begrenzung großer Barzahlungen - auch wenn sowohl Notenbanker als auch Politiker stets beteuern, dass sie eine bargeldlose Welt gar nicht wollen.

Was würde die Bargeldabschaffung für Verbraucher bedeuten? So schön es ist, nicht dauernd zum Geldautomaten gehen oder an der Supermarktkasse im Portemonnaie nach Kleingeld wühlen zu müssen - eine bargeldlose Welt hätte für Verbraucher vor allem Nachteile. Wir alle würden ein Stück unserer Freiheit verlieren, wenn wir Geld nur noch als Zahlen auf dem Computerbildschirm wahrnehmen, es aber nicht mehr in den Händen halten könnten. Denn das, was auf dem Konto liegt, ist immer auch einer Kontrolle unterworfen. Die Bank sieht, woher wie viel Geld kommt und wohin es fließt. Und das auch bei allen völlig legalen Transaktionen.

Das ist für sich schon unangenehm genug, doch es geht noch um mehr. Gerade das, was Ökonomen wie Larry Summers als Vorteil der bargeldfreien Welt sehen, ist für Verbraucher eine Horrorvorstellung. Wenn der einzige Platz für Geld das Bankkonto ist, bedeutet dies, dass nicht nur die Finanzinstitute, sondern auch die Zentralbanken viel stärkeren Zugriff darauf haben. Wenn die Währungshüter etwa negative Leitzinsen beschließen, werden die Banken diese an ihre Kunden weitergeben. Das Geld auf dem Konto wird also immer weniger wert.

Dieses Beispiel ist keineswegs aus der Luft gegriffen: Schon seit 2014 hat die EZB einen wichtigen Zinssatz in den negativen Bereich gedrückt. Das Einzige, was die Geschäftsbanken bisher davon abhält, diese Negativzinsen in großem Stil an die Verbraucher weiterzugeben, ist die Angst davor, dass die Kunden ihr Geld dann einfach zur nächsten Bank tragen - oder zu Hause in den Tresor legen.

Für Ökonomen wie Summers wäre es wünschenswert, wenn die Kunden zumindest die letzte Möglichkeit nicht hätten. Dann nämlich könnte die Geldpolitik der Notenbank besser wirken. Der Negativzins würde Firmen und Verbraucher dazu bringen, mehr Geld in Investitionen und Konsum zu stecken und so die Wirtschaft anzukurbeln. Die meisten Bankkunden dürften sich dagegen gegängelt oder gar erpresst fühlen.

Noch schlimmer könnte es für sie werden, wenn ihre Bank in Finanzschwierigkeiten gerät. Dann nämlich dürfen in Europa neuerdings nicht mehr nur Aktionäre und andere Geldgeber, sondern auch die Einlagen der Sparer bei der Rettung der Bank herangezogen werden - jedenfalls dann, wenn diese Einlagen über 100.000 Euro pro Konto liegen.

Nicht zuletzt würde ein Bargeldverbot die Wirtschaft und jeden Einzelnen auch noch abhängiger von der Technik machen. Wenn die Computersysteme einmal ausfielen, könnten Kunden plötzlich nicht mehr über ihr Geld verfügen.

Quelle: www.spiegel.de

Rechtsanwalt Ingo Krampen

 

21.09.2016


zurück zur Übersicht